Lehrbuch Lyme-Borreliose


23.20

Antibiotika-refraktäre Lyme-Arthritis und HLA-DR-Moleküle


Die Beziehung zwischen einer sogenannten „Antibiotika-refraktären“ Lyme-Arthritis und der Nachweishäufigkeit von HLA-DR-Molekülen, die bestimmte Borrelia burgdorferi-Peptide binden, ist in 2 Publikationen aus der Arbeitsgruppe von Allen Steere dargestellt (1, 2).

Der Zusammenhang wurde erstmalig in einer Publikation von Kalish et al., 1993 (1) und in einer umfangreicheren Arbeit von Steere et al., 2006 dargestellt (2).

HLA steht für „Human Leukozyte Antigen Komplex“. Dieser Komplex stellt eine Region (sogenannte 4-Megabase (Mb)) auf dem Chromosomen 6 (6P 21.3) dar. Der Komplex enthält viele Gene, deren Produkte für die angeborene und erworbene Immunität von entscheidender Bedeutung sind.

Da der Inhalt der Publikation von Kalish et al., 1993 (1) in der Arbeit aus 2006 impliziert ist, wird lediglich zu der Arbeit von Steere et al., 2006 (2) Stellung genommen.

Untersucht wurden 121 Patienten, von denen 71 Patienten an einer Antibiotika-refraktären Arthritis litten, während bei 50 Patienten die Arthritis auf Antibiotikabehandlung ansprach.

Der HLA-Komplex wird in verschiedenen Untergruppen unterteilt, eine solche Untergruppe ist das HLA-DR.

Untersucht wurden HLA-DR-Moleküle, die die Fähigkeit haben, Peptide der Borrelien-Oberfläche (OspA) zu binden.

Bei der Antibiotika-refraktären Gruppe zeigten 70% der Patienten mindestens 1 von insgesamt 7 DR-Molekülen, die die Fähigkeit haben, OspA zu binden. Bei der Patientengruppe, deren Arthritis auf Antibiotika ansprach, betrug die Häufigkeit dagegen 46%.
Die Autoren schlossen, dass die Bindung eines einzigen Spirochäten-Peptids (hier: Baustein eines Borrelien-Oberflächenproteins) an ein HLA-DRB-Molekül ein Marker (Hinweis) auf eine Antibiotika-refraktäre Lyme-Arthritis sei.


Dabei ist zu beachten, dass lediglich die Häufigkeit einer solchen Bindung zwischen HLA-DRB-Molekül und OspA-Peptid in der Antibiotika-refraktären Arthritis-Gruppe größer war als in der Gruppe, die auf Antibiotika ansprachen. Der Prozentsatz 79 versus 46 zeigt jedoch, dass die Häufigkeit bei Antibiotika-refraktärer Arthritis nicht einmal doppelt so hoch ist wie bei Arthritiden, die auf Antibiotika ansprechen. Der Nachweis von HLA-DRB-Molekülen (mit Bindungsfähigkeit an OspA) signalisieren also lediglich, dass die Wahrscheinlichkeit einer Antibiotika-refraktären Arthritis um den Faktor 1,8 erhöht ist. Dieser niedrige Wahrscheinlichkeitsfaktor signalisiert die geringe Sensitivität dieser Untersuchungsmethode und deren Aussagekraft (prädiktiver Wert) im Hinblick auf eine Antibiotika-refraktäre Arthritis.

In der Praxis dürfte somit dieser Test nur von geringer Bedeutung sein.

Besonders herauszustellen ist jedoch die Tatsache, dass in der Publikation keine präzisen Angaben über die durchgeführte antibiotische Behandlung und über die Krankheitsverläufe enthalten sind. Es ist also durchaus denkbar, dass ein Teil der sogenannten Antibiotika-refraktären Arthritiden durch eine andere antibiotische Behandlung (anderes Antibiotikum, längere Behandlungsdauer, antibiotische Kombinationsbehandlung) beseitigt worden wäre.

Literaturverzeichnis

  1. Kalish RA, Leong JM, Steere AC. Association of Treatment-Resistant Chronic Lyme-Arthritis with HLA-DR4 and Antibody Reactivity to OspA and OspB of Borrelia burgdorferi. Infect Immun. 1993; 61(7):2774-9.
  2. Steere AC, Klitz W, Drouin EE, Falk BA, Kwok WW, Nepom GT, Baxter-Lowe LA. Antibiotic-refractory Lyme arthritis ist associated with HLA-DR mocecules that bind a Borrelia burgdorferi peptide. J Exp Med. 2006; 203(4):961-71.